Kommentar: Mosambik: Wenn zwei beste Feinde ein Land ruinieren

von Katharina Hofmann, FES-Maputo:

Mosambik — Einer der längsten und blutigsten Bürgerkriege Afrikas endete 1992 nach 25 Jahren mit geschätzten einer Million Toten. Seit April 2013 nehmen Anschläge der Resistência Nacional Moçambicana (RENAMO) gegen Armeeposten, Polizeistationen und zivile Fahrzeuge in Zentralmosambik nun wieder zu. Die Sorge über einen Rückfall in einen Bürgerkrieg zwischen der RENAMO und der seit 1994 regierenden Frente de Libertação de Moçambique (FRELIMO) wächst. Zwar sind für den 15. Oktober 2014 Wahlen angesetzt, derzeit rechnet jedoch niemand damit, dass die RENAMO an ihnen teilnehmen wird. Sollte der Konflikt sich nicht auf Verhandlungswegen lösen lassen, ist das hohe Wirtschaftswachstum des Landes gefährdet: Seit Ausbruch der erneuten Gewalt haben multinationale Konzerne ihre Mitarbeiter teilweise außer Landes gebracht und auch die Zahlen im Tourismussektor sind deutlich zurückgegangen.

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Canal de Moçambique: Proaktive Wahlbeobachtung gefordert

Meinung: Canal de Mocambique, 20. November 2013 von Noe Nhantumbo

(Übersetzung: Judith Christner)

Die Nichtregierungsorganisationen, die sich als Wahlbeobachter eingeschrieben haben, verlieren die Möglichkeit, gehört und wahrgenommen zu werden ab dem Moment, da sie sich für das Schweigen entschieden haben, angesichts der Unverschämtheiten und Vergewaltigungen des Wahlrechts, die gemeldet wurden.

Die „Nachwahl-Konflikte“ im Stile, wie sie in Zimbabwe und Kenia kürzlich passiert sind, haben eine sehr bekannte Entstehungsgeschichte.

Es ist die Gewohnheit der Blindheit und Taubheit die dazu führt, dass die Verteidiger des Betruges und der Manipulation sich unerlaubten Manövern zuwenden.

Wem oder was nützt es, dass es Botschaften von Ländern gibt, von denen behauptet wird, sie seien Vorkämpfer der Demokratie, wenn sie nichts sagen oder tun angesichts von konkreter Handlungen der Vergewaltigung der politischen Rechte in Mosambik ?

Ohne sich in innere Angelegenheiten von Mosambik wirklich einzumischen ist es doch möglich, Signale der Besorgnis auszusenden, wenn Bürger festgenommen, überfallen oder oder ihnen Gewalt angetan wird; aber man schweigt. Warum ?

Die wiederholte Aggression gegen politische Gegner ist eine klare Form von Einschüchterung, aber es wird so getan, als werde es nicht gesehen. Warum ?

Es ist ein schwieriger Moment und eine Einschüchterungskampagne kann dazu führen, dass das „Geplänkel“ an Dimension gewinnt.

Es ist dringend notwendig, dass die Wahlbeobachtung pro-aktiv wird, denn davon hängt es ab, dass die Wahrheit nicht durch betrügerische Manöver und Strategien verfälscht wird.

Den Gewaltkreislauf zu durchbrechen hat oberste Priorität in einem Land, das unruhig und unsicher lebt.

Die Sitze politischer Parteien anzuzünden ist ein verbrecherischer Akt, der rigoros zu untersuchen und zu verurteilen ist.

Der Friede, von dem dauernd die Rede ist, ist ein konkretes Produkt eines brüderlichen Zusammenlebens, in dem die Unterschiede akzeptiert und in dem die Projekte der Bildung einer Nation mit Verantwortung angenommen werden.

Es ist notwendig keinerlei Zweifel daran zu haben, dass es unheilvolle (finstere) Interessen gibt, die die Mosambikaner in den Krieg stoßen wollen um damit die eigene Macht zu erhalten.

Es gibt Interessen, vollendete Tatsachen zu schaffen, wie es in den vorangegangen Wahlen der Fall gewesen ist.

Das ist ein gefährlicher Weg, denn er gibt den Extremisten und den Verfechtern von Veränderungen mit den Mitteln der Gewalt recht. Mehrfach wurde bereits gesagt, dass Gewalt Gegengewalt hervorruft mit steigender Tendenz.

In diesen Zeiten sollte die politische Verantwortung der konkurrierenden Parteien das Verhalten bestimmen. Politische Banditenstreiche von Kreisen veranstaltet, die ihren jeweiligen Chefs ihre gute Arbeit und Amtsführung präsentieren wollen, sollte unerbittlich bekämpft werden.

Die mosambikanische Polizei hat die souveräne Möglichkeit zu zeigen, dass sie ein Organ der Staatsgewalt und kein Parteiverband sind.

Die Mosambikaner sind begierig auf Frieden und Ruhe und dies übertrifft politische Diskurse und Propaganda.

Alkoholische Getränke an jugendliche Teilnehmer der politischen Wahlpropaganda zu verteilen ist der schnellste Weg um die Gemüter zu entzünden und Gewalt auf die Wahlbühne zu tragen.

PGR, PRM (Polizei), CNE (Wahlkommission) STAE (Verwaltung der Wahlkommission) , politische Parteien – es ist Euer Moment und Eure Verantwortung. Die Bürger wünschen sich nur den Frieden und die Freiheit, diejenigen zu wählen, von denen sie regiert werden wollen.

Der Präsident der Republik sollte sich wie der höchste Magistrat der Nation verhalten und in dieser Eigenschaft mit Weisheit sein Mandat als Garant der Legalität ausüben, als Stifter der Eintracht und der nationalen Entwicklung. Und es sollte klar werden, dass seine Parteizugehörigkeit ihn nicht daran hindert sich unerlaubten Wahlkämpfen und anderem widersetzen.

Sollte er sich jedoch anderes verhalten, dann gibt er damit all denen recht, die in ihm einen Teil des Problems oder das Problem schlechthin sehen.

Gerechtigkeit, Transparenz und Freiheit sind das, was die Mosambikaner am meisten wollen.

Savana: Mosambik nach den Demonstrationen: warten, was danach kommt

Von Maria de Lurdes Torcato, Savana 08.11.2013

(Übersetzung: Judith Christner. DANKE!)

Wir haben eine außergewöhnliche letzte Oktoberwoche in Mosambik erlebt. Dabei haben wir das wahre Land entdeckt, das abseits aller physischen und psychischen Schläge überlebt, mit denen es vielfach gegeißelt ist, und die sich plötzlich so weit zuspitzten, dass sie das Maß vollmachten.

 

Kurz und gut, wir leben, wir sind untereinander solidarisch, abseits aller Unterschiede der Hautfarbe, der geographischen Herkunft, der Zugehörigkeit oder nicht Zugehörigkeit zu irgendwelchen politischen Parteien oder Religionsgemeinschaften, unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Herkunft. Das hat Maputo dem Rest des Landes und dem Rest der Welt am vergangenen Donnerstag gezeigt. Und der Rest des Landes wollte sich dieses Ideals nochmals versichern, das uns während der Unabhängigkeit so belebt hat und das schon fast vergessen schien. Trotz des Ausschlusses, das ihm von der eigenen Hauptstadt vielfach auferlegt ist , haben andere Städte den Protest aufgegriffen. Die Welt hat kaum davon Notiz genommen, aber letztlich war das, was wir zu sagen haben, nicht für die Welt, die Botschaft war für innerhalb der Grenzen gedacht.

Es gab einige, die uns entzweien wollten, aber dem haben wir uns widersetzt indem wir deutlich gemacht haben, dass wir alle Mosambikaner sind und der Schmerz des einen der Schmerz aller ist.

Wir haben den rassistischen Mythos zerstört, dass die Mosambikaner ängstlich und feige sind und sich angesichts von Bedrohung wir verängstigte Kaninchen im Bau verkriechen. Das ist nicht wahr: Es waren unsere eigenen Kinder, die uns gelehrt haben, dass das Bürgerrecht ein Wert ist, der einzige, der uns das Überleben garantiert.

 

Die Demonstrationen für den Frieden und gegen die Entführungen war für viele die Reaktion auf die brutale Ermordung des Amahd Rachid aus Beira, die am Montag im Fernsehen gezeigt wurde. Das Video, das den Jugendlichen zeigte, wie er seine Mutter anfleht, ihn zu retten, hat viele Zuschauer zum Weinen gebracht. Der Schmerz der Mutter, die drei Tage lang, mit Hilf ihrer Angestellten, ihren Sohn in der ganzen Stadt gesucht hat, und die Ihre Empörung und Wut vor der Kamera ausdrückt und die Autoritäten der Komplizenschaft mit dem Verbrechen anklagt. Das war ein Schrei nach kollektiver Hilfe, wie ihn nur eine Mutter hörbar machen kann.

Und dann hatten wir Alice Mabota, (Liga Direitos Humanos) die mit ihrer Zivilcourage und ihrem Mut zum direkten Diskurs bereits eine bewunderte und respektierte , nationale Referenz ist und die Hilfe und Unterstützung mobilisiert und organisiert hat für den größten, organisierten Protestmarsch in der Geschichte von Mosambik. Und sie bekam die Hilfen, die sie brauchte, einschließlich und insbesondere von der muslimischen Gemeinschaft – nicht zu vergessen, dass es in den ersten beiden Jahren fast ausschließlich Mitglieder dieser Gemeinschaft waren, die entführt wurden – wir aber heute sehen, dass wir alle zur Zielgruppe von Bosheit und Gewinnsucht werden können.

Und der Marsch setzte sich in Bewegung als Marsch für den Frieden und gegen Kriminalität und Unsicherheit, bei dem sich alle gleichermaßen respektiert fühlten – ob jung oder alt, arm oder weniger arm.

 

Im Reich des Unvorhersehbaren

 

Im Oktober publizierte Mediafax einen Artikel, dessen Autor viele seiner Arbeiten dem Land widmet, aus dem er in den 70iger Jahren weggegangen ist. Der Artikel begann mit folgender Affirmation: „ Es existieren keine Konditionen um einen neuen Bürgerkrieg in Mosambik zu entfesseln. Der Artikel rechtfertigt die Affirmation und entwickelt Szenarien anhand logischer Analysen der augenblicklichen Situation. Das Problem ist nur, dass ca. 2 Wochen später sich die Situation erheblich zugespitzt hat, mit immer mehr Konflikten zwischen FDM und FIR und den bewaffneten Männern, die vermutlich der Renamo angehören, die, wie man weiß, nun ohne Kommando sind.

Basen und Häuser des „Feindes“ – der eigentlich nur der „Gegner“ sein sollte, mit dem man in einen Dialog tritt – wurden in Nampula und Sofala zerstört oder besetzt. Dhlakama befindet sich angeblich an einem sicheren Ort in Mosambik.

Was das eigentliche Ziel dieser Operationen sein soll, wissen und verstehen wir nicht. Die Logik der Analysen hält der Irrationalität der Taten nicht stand. Das Volk, das auf den Straßen demonstriert, erbittet Frieden und Gespräche, „ die Chefs sollen sich treffen und verhandeln, denn wir wollen nicht zurück zum Krieg“ – so die am meisten wiederholte Botschaft.

Doch in der Art, wie die Zeit voranschreitet, kostet es immer mehr, daran zu glauben, dass der Dialog, der gegenseitigen Respekt und Anerkennung voraussetzt, überhaupt noch möglich ist.

Und die Bauern in den von den Attacken betroffenen Zonen, laufen vor und zurück, mit Bündel auf dem Kopf und Kindern auf dem Rücken, auf der Suche nach einem sicheren Platz zum ausruhen, abseits der Schießereien. Diejenigen, die es schon geschafft hatten, durch kleine Geschäfte etwas zu erreichen und beiseite zu legen, verlieren in einer Stunde die Anstrengungen von Jahren. Aber immer noch bitten sie um Frieden und Dialog und die Antwort ist weiterhin noch mehr kriegerische Attacken, nicht mit Worten, sondern mit Waffen, die Zerstörung und Tod bringen.

 

Um weiterhin von Irrealität zu sprechen, werden die Wahlen für den 20. November vorbereitet. Die Wahlkampagnen haben begonnen, Millionen werden ausgegeben. Doch werden die Wähler angesichts aller Unsicherheiten und Verwirrung überhaupt wählen ? Oder aber, die Mosambikaner fühlen sich nun erst recht motiviert – alles ist unvorhersehbar und die völlige Wahlenthaltung ebenso möglich wie ein besonders großer Zustrom an Wählern.

Stellen wir uns vor, es würden die Verhandlungen auf höchster Ebene beginnen, wie das Volk sie erbittet, wie die Freunde von Mosambik raten, wie die Klage der von den Errungenschaften des Friedens Ausgeschlossenen sie fordert. Die Waffen könnten schweigen, aber das reicht nicht, um die Ruhe wieder herzustellen. Hinter dem Schrei des Volkes nach Frieden steht die ganze soziale Situation, von der wir wissen, dass sie ohne Frieden nicht lösbar ist, die aber dringend gelöst werden muss, um aus der Misere herauszukommen und um wahre Entwicklung zu ermöglichen: Die Kriminalität, die sich nicht nur in den Entführungen erschöpft. Groß ist die Geißel der Vorstädte, die Abwesenheit von Gesundheit und Erziehung, die der Staat ihnen einst versprochen hatte, und die er ihnen gleich danach wieder wegnahm – mit Hilfe der Korruption. Dies sind nur einige Beispiele der Hilfeschreie gemischt mit denen der überschäumenden Wut derer, die auf den Demonstrationen „Raus“ riefen.

 

Ich denke an die mehr als 20.000 der Armen und Ausgeschlossenen in diesem Land. Aber ich habe auch reiche Freunde oder wenigstens gut situierte,von denen ich weiß, dass sie Patrioten sind. Die sollten erkennen dass jene, die demonstriert und protestiert haben , für Gerechtigkeit und gegen die Straflosigkeit der Kriminellen , ihre wahren Verbünden sind. Ohne einen Rechtsstaat ist es sehr gut möglich, dass das, was sie heute haben ihnen schon morgen entgleitet wie ein Hand voll Sand, der durch die Finger rinnt. Wenn nämlich die, die es besser wissen müssen als die meisten Bürger, und die die Macht haben, das Richtige und das Falsche an seinen jeweiligen Platz zu rücken, uns weismachen wollen, dass die Polizei Vertrauen verdient und die Schuld bei der Zivilgesellschaft und den Journalisten liege , die Unruhe stiften, dann befinden wir uns bereits im Prozess eines Kollapses. Denn es ist auch nicht möglich, dass tausende sich irren und nur ein halbes Dutzend die Wahrheit sieht.

Doch das ist die Situation, in der wir uns augenblicklich befinden und es ist unmöglich keine geschichtlichen Parallelen mit etlichen totalitären Regimen am Vorabend des Sturzes zu ziehen komplett blind, taub und stumm, die das offensichtliche nicht sehen und die Hinweise auf mögliche Auswege nicht hören wollten. Und es ist diese Blindheit, die die mosambikanischen Regierenden dazu bringen, die erwarteten Gewinne aus den Naturreserven , die noch gar nicht existieren , bereits auszugeben, für schwere Waffen, angefangen bei Kriegsflugzeugen, anstatt die Landwirtschaft voranzubringen um die tausende von MosambikanerInnen, die an Hunger leiden – davon 50% mangelernährte Kinder – zu ernähren.

Scheinbar sind unsere Grenzen von mächtigen Feinden bedroht, doch wer sind sie ? Banditen, mit oder ohne Waffen, bekämpft man nicht mit einer Kriegsmaschinerie.

 

In diesem Rahmen der Irrationalitäten ist alles möglich und nichts ist vorhersehbar.Wir müssen die wenigen Garantien, die wir haben, bewahren, unter ihnen die Verfassung, die uns garantiert, dass wir diejenigen wählen, die uns regieren sollen. Wir müssen die Institutionen im Auge behalten, die schon bedroht und geschwächt sind, wie die Presse, die frei und unabhängig sein möchte und die Organisationen der Zivilgesellschaft, die mit Ehrlichkeit ihre Rolle ausüben wollen, um diese bis an die Grenzen unserer Kräfte zu verteidigen. Von den vielen Landsleuten mit Wissen, Erfahrungen und integerem Ruf , die Mosambik viel geben können und dazu auch bereit sind, erwarten wir gangbare und hilfreiche Initiativen..

Lassen wir nicht zu, dass der Tod des Jugendlichen Ahmad Rachid und das Leid seiner couragierten Mutter umsonst gewesen sind. Die Kapazitäten der Frauen und Männer, die überleben ohne ihre Würde zu verkaufen , der berufstätigen Jugendlichen, Studenten, Arbeiter sind die Garantie dafür, dass wir eine Zukunft als Land haben.

Judith Christner: Reflexionen zur aktuellen Situation in Mosambik

Land im Kreuzfeuer: Demonstrationen, Tote, Verletzte und Verhaftete“ mit diesen Worten habe ich im November 2001 meine Reflexionen zu den damaligen Ereignissen eingeleitet:.

Gewaltsame Auseinandersetzungen in Montepuez und der Mord an Carlos Cardoso.

Fast ein Jahr war seit den Präsidentschaftswahlen vergangenen, bei denen die FRELIMO und Präsident Chissano einen knappen Sieg davon trugen.

Gegenseitige Beschuldigungen über gefälschte und manipulierte Wahlergebnisse folgten, das oberste Gericht erklärte die Wahlen für gültig und die Diskussion ging auf der parlamentarischen Ebene weiter. Kampfansagen wechselten mit Erklärungen zur Gesprächsbereitschaft und zum Dialog – doch am 9. November wurden die Auseinandersetzungen und die zunehmende Unzufriedenheit auf die Strasse getragen. Hauptforderungen des RENAMO-Wahlbündnisses waren das Nachzählen der Stimmen oder eine angemessene Beteiligung an der Macht.

Und heute wieder „Land im Kreuzfeuer …….“, gar Mosambik auf den Weg in den Bürgerkrieg.

Und wieder habe ich das Gespräch mit den Menschen gesucht, auf der Straße, im Projekt, zu Hause. Niemand will Krieg. Dennoch haben erstaunlich viele Verständnis für den Unmut der RENAMO.

Es kursieren abenteuerliche Gerüchte über die Hintergründe des makabren Spiels, das immer wieder Menschenleben auslöscht, Existenzen zerstört und die Bevölkerung in Angst und Unsicherheit stürzt:

Guebuza und Dhlakama spielen gar nicht gegen-, sondern miteinander und werden sich am Ende den Nutzen teilen. Oder: Guebuza, der bis heute noch keinen Nachfolger für die Präsidentschaftswahlen 2014 benannt hat, provoziert bewusst eine Destabilisierung des Landes, um den Notstand auszurufen, um damit auch ohne Wahlen weiter an der Macht bleiben zu können.

Was wirklich hinter den Kulissen gespielt wird, weiß sicher keiner von all denen, die ich befragt habe und viele versichern mir, es sei dennoch alles unter Kontrolle – doch ich bezweifle, dass sie wirklich daran glauben; denn die jüngsten Ereignissen – eine neuerliche Attacke auf einen Minibus mit vielen Verletzten und einem Toten – zeigen das Gegenteil.

Spätestens mit dem Angriff des Militärs auf die RENAMO-Basis Sathunjira hat der Konflikt eine andere Dimension erreicht. Präsident Guebuza hat die Streitkräfte autorisiert, die Residenz von Dhaklama anzugreifen, zu zerstören und zu besetzen – obgleich diesem mit dem Friedensschluss von Rom auch eine eigene, bewaffnete Einheit zugesichert wurde, gleichsam ein Produkt des Friedensschlusses von Rom.

Vielen im Land erscheint es paradox, dass der Präsident bei seinen derzeitigen Reisen in Sofala im Zuge der offenen Präsidentschaft an den Dialog und den Frieden appeliert, wobei er gleichzeitig einen bewaffneten Übergriff auf die Residenz seines wichtigsten politischen Gegners und Mitglied seines eigenen Staatsrates (Conselho de Estado) autorisiert.

Um Ruhe und Ordnung im Land wiederherzustellen, wie es in einer Begründung zu diesem Angriff heisst, wäre die Polizei und nicht das Militär einzusetzen.

Somit, so ist es in einem Kommentar der „@Verdade“ zu lesen, seien allein Guebuza und seine Mitstreiter verantwortlich, für den „Mord“ an dem Politiker Dhlakama und die Wiederauferstehung des „bewaffneten Banditen“ Dhlakama.

Dennoch ist es nicht zu rechtfertigen, Unrecht auf der politischen Ebene mit Unrecht auf der Strasse an unschuldigen Menschen zu vergelten; das ist verabscheuungs- und verurteilungswürdig.

Und nun zurück zum Anfang meiner Reflexionen heute, die mit denen von 2001 beginnen. Der damals verfasste Schluss kann auch heute so stehen bleiben. An meinem Standpunkt und an meinem Blick auf die Situation in Mosambik hat sich nichts geändert:

An dieser Stelle möchte ich zu mir und meinen persönlichen Eindrücken, Erlebnissen, Fragen kommen und mich dabei von dem fernhalten, was möglicherweise naheliegend scheint: Der Kritik an den inneren Verhältnissen, die mir als Ausländerin und Gast in diesem Land nicht zusteht. Es ist mir jedoch nicht verboten, mit offenen Augen und Ohren das Land und seine Menschen zu betrachten , von denen ich viele schätzen und lieben gelernt habe und die mir wahrhafte Begegnungen ermöglicht haben. Mit Kritik und Fragen will ich dennoch nicht hinter dem Berg halten, doch sie richten sich zunächst nicht an die Machthaber des Landes, sondern eher an die vielen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit , die in Mosambik präsent sind und von deren Projekten und Arbeitsweisen ich vielfache Kenntnis habe. Wieviele Cardosos gibt es unter den Kooperanten und Verantwortlichen von Entwicklungshilfeprojekten ? Trifft die Formulierung des passiven Blickes, die Mia Couto in einem anderen Zusammenhang gebraucht hat, nicht auch auf die Herangehensweise vieler EH-Dienste und deren Mitarbeiter zu?

Ist die neuerdings vielgepriesene, weil als antikolonialistisch verstandene Methode der Nicht-Einmischung wirklich so nobel und menschenwürdig, wie sie gerne verkauft wird oder ist es nicht einfach der bequemere Weg, Projekte reibungslos durchzuziehen und damit auch begehrte Arbeitsplätze im Norden und eine falsche Illusion zu erhalten? Für mich ist das eindeutig der falsche Ansatz.. Und wenn ich, wie vor gar nicht langer Zeit, in der „Zeit“ einen Artikel über interkulturelles Verhalten im asiatischen Raum lese, dann möchte ich dem ganz entschieden widersprechen. Dort heißt es unter anderem, man müsse als Weißer dort eben ein großes Auto fahren, um den für die Arbeit notwendigen Respekt zu erhalten. Ich finde vielmehr, wir sollten uns gerade gegen eine so falsche und arrogante Auffassung der Beurteilung von Menschen und der Einschätzung ihrer Fähigkeiten wehren, statt sie mit interkulturellen Seminaren auch noch zu stützen. Was wollen wir hier eigentlich ? Wollen wir mit falsch verstandener Anpassung an falsche Grundvoraussetzungen und Gegebenheiten eine Situation stützen, von der jeder , der hier arbeitet, genau weiß, dass sie langfristig nicht zu einer sinnvollen Entwicklung beiträgt, sondern bestenfalls dem notdürftigen Löcher stopfen vor Ort dient.

Und der jeweiligen Regierung des Landes fadenscheinige Argumente für die Verbreitung ihrer inhaltslosen Parolen bieten, weil auf den ersten Blick doch alles ganz gut aussieht, während bei näherem Hinsehen weiterhin Generationen von Zielgruppen (z. B. Jugendliche oder Frauen) um eine echte Entwicklungschance betrogen werden. Sollten die Organisationen und Helfer vor Ort nicht endlich auch klar machen, dass sie außer Geld und guten Willen ein Menschenbild, eine Vorstellung von Humanität mitbringen, die sie nicht gewillt sind, an der Grenze abzugeben und deshalb auch erwarten, dass sich ihre Partner mit einem humanen Menschenbild identifizieren – nicht nur auf dem Papier. Vielfach haben die eigentlichen Zielgruppen in den Projekten der Entwicklungszusammenarbeit keine Lobby, keine Stimme. Und wenn sie es nach langen Anläufen doch einmal versuchen, so verschwinden schriftliche Anfragen schnell in den Papierkörben derer , mit denen die jeweiligen Hilfsorganisationen auf höherer Ebene zusammenarbeiten. Eine Reaktion, gar eine aktive Unterstützung der Kooperanten vor Ort für die Belange der direkten Zielgruppe, beispielsweise Schüler oder Frauen, ist nicht erwünscht, da man von aussen in die eigenständige Entwicklung der jeweiligen Institutionen nicht eingreifen will. Weiterhin wird jedoch in Deutschland von den Hilfsorganisationen mit den „Nöten“ der eigentlichen Zielgruppe um Spendengelder für die notwendige Co-Finanzierung geworben und nichtssagende oder geschönte Berichte über die vermeintlichen Fortschritte in den jeweiligen Projekten verbreitet.

Das beschriebene Szenario ist überwiegend in Kooperationen mit staatlichen Institutionen in Mosambik und auf der Ebene der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit der Geberländer zu finden, womit ich nicht behaupten will, in Organisationen der Zivilgesellschaft stehe immer alles zum Besten. Jedoch gibt es in Mosambik Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich aktiv für ihre Zielgruppen einsetzen und die eine echte Partnerschaft auf allen Ebenen mit ihren Geldgebern suchen – vielfach unter großen Schwierigkeiten, bürokratischen Hindernissen und dabei auch riskieren, Bedrohungen und sozialer Ächtung ausgesetzt zu sein.

Der aktive Aufbau einer engagierten Zivilgesellschaft ist in Mosambik dringend notwendig, um den inneren Frieden langfristig zu sichern. Was Mosambik braucht, sind mehr Menschen vom Format eines Carlos Cardoso, MosambikanerInnen und AusländerInnen, die gemeinsam gegen das immer noch herrschende System der Angst ankämpfen und es nicht stillschweigend tolerieren. Mia Couto stellt in diesem Zusammenhang die Frage: „Welches Land wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Eine Nation, regiert mit Angst?“ Die Angst, für die erkannte und vertretene Wahrheit und Aufrichtigkeit zu sterben ist die höchste Form; die Angst, den Arbeitsplatz, das dringend benötigte Einkommen zu verlieren , ist eine tiefer angesiedelte, doch weit verbreitete und reale Angst in Mosambik. Vereinzelt kommen die Menschen gegen diese Angst nicht an, doch die hier vertretenen Organisationen könnten sich couragiert an deren Seite stellen. Aber auch im Norden ist die Angst vor dem Verlust von Prestige, Arbeitsplätzen und Pfründen eine offensichtliche Hürde, die couragiertes Handeln im Süden verhindert. In einem neuen Typus von Vorbereitungsseminaren auf den Entwicklungsdienst könnten Zivilcourage und mutiges Eintreten für die eigentlich Betroffenen geschult werden, vorausgesetzt es wäre der Wille der Entsendeländer und dienste.

Eine Demokratie, der die Basis fehlt, ist langfristig nicht lebensfähig und eine wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, die ganz offensichtlich vielfach nicht das Allgemeinwohl, sondern die persönlichen Interessen einzelner im Blick hat, geht für mein Verständnis am eigentlichen Entwicklungsauftrag vorbei. Hier in Mosambik ist die derzeitige Regierung und die hinter ihr stehende Partei gefordert, alle Verbrechen rückhaltlos aufzuklären und damit dem eigenen Volk wieder den Glauben an mögliche Änderungen zu geben, den es vielfach verloren hat und damit denen entgegenzuarbeiten, die Carlos Cardoso getötet haben und die, wie Mia Couto sagt „wollen, dass wir den Glauben verlieren und dass wir mit Anpassung die Ordnung des organisierten Verbrechens akzeptieren.“ Im Ausland sind die Hilfsorganisationen gefordert, die Grundlagen und Voraussetzungen ihrer Hilfsangebote in Mosambik dahingehend zu überprüfen, dass sie nicht zur Anpassung an die Ordnung des organisierten Verbrechens beitragen.

Der begonnene Demokratisierungsprozess in Mosambik und der bereits gelungene Humanisierungsprozess unter der einfachen Bevölkerung im Alltag könnten leicht ersticken, wenn die Verantwortlichen nicht schleunigst alle Türen und Fenster öffnen um endlich Licht und Luft ins Dunkel der Ereignisse zu bringen.

Bei den derzeit herrschenden politischen Verhältnissen wird der neu entdeckte Rohstoffreichtum, von dem nur wenige profitieren, zum Pulverfass, auf dem vor allem das Volk sitzt und das Ende des Friedensabkommens könnte eine Explosion auslösen, die alles zerstört, was in langen Jahren mühevoll aufgebaut wurde.

27.10.2013 – Judith Christner

Stellungnahme der Bundesregierung zur aktuellen Situation in Mosambik

Es spricht der Sprecher der Bundesregierung (Auswärtiges Amt), Martin Schäfer, zur Entwicklung in Mosambik:

„Die Bundesregierung beobachtet die jüngsten Entwicklungen mit einiger Sorge. Immerhin hatte sich Mosambik in den letzten Jahren, auch mit der Hilfe der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, eine politische Stabilität aufgebaut und Wachstum, auch zugunsten aller Bevölkerungsteile, ist entstanden. Dies könnte nun durch die jüngsten Entscheidungen und Entwicklungen gefährdet sein.

Deshalb geht es auf Sicht der Bundesregierung jetzt darum, zum Dialog zurückzukehren. Das Schlimmste was dem Land passieren könnte wäre eine Rückkehr in die Bürgerkriegs-ähnlichen Verhältnisse bis Anfang der Neunziger Jahre. Und dafür ist es erforderlich, dass in den rechtmäßigen, verfassungsmäßigen Gremien Mosambiks, trotz der großen – fast überwältigenden Mehrheit – die eine politische Bewegung in Mosambik hat, nämlich FRELIMO, die Gelegenheit besteht, diese Fragen auf dem Tisch zu bringen und eine vernünftige Lösung zuzuführen.

Das gilt insbesondere deshalb, weil ja Mosambik eigentlich auf sehr guten Weg ist, nicht zuletzt wegen einiger Rohstoff-Funde vor den Küsten Mosambiks. Es besteht wirklich die Aussicht eine echte Entwicklungsdividende, Wachstum und politische Stabilität zu erzielen und zu verlängern. Und es wäre tragisch für die Geschichte dieses armen Landes, wenn das auf Spiel gesetzt würde.“

 

Quelle: Deutsche Welle:
http://www.dw.de/governo-da-alemanha-pede-mais-abertura-para-debate-à-frelimo/a-17179572

Aktuelles bei der Deutschen Welle aus Mosambik

Angebot der Deutschen Welle aktuell aus Mosambik:
http://www.dw.de/programas/mo%C3%A7ambique/s-30380

Ein Dossier mit dem gesammelten Angebot der Deutschen Welle auf Portugiesisch:
http://www.dw.de/moçambique-volta-à-guerra-civil-entre-a-renamo-e-o-governo/a-17175392

Artikel und Kommentare auf Deutsch:
http://www.dw.de/rückkehr-zum-bürgerkrieg-in-mosambik/a-17175875
http://www.dw.de/kommentar-zwei-starrsinnige-männer-führen-mosambik-an-den-abgrund/a-17175565

GlobalVoices: Mozambique’s 20 Year Peace at Great Risk

http://globalvoicesonline.org/2013/10/22/mozambiques-20-year-peace-at-great-risk/

 

Ergänzung:

jcberlins sagte am Oktober 24, 2013 um 7:18 vormittags

Inzwischen gibt’s auch eine deutsche Version, die ich erstellt habe:
http://de.globalvoicesonline.org/2013/10/22/mosambik-zwanzig-jahre-frieden-in-groser-gefahr/